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  "Zur Bildung gehören Laptop und Lebkoung"
Staatssekretär Karl Freller im großen AZ-Interview mit Klaus Schamberger
 
     
   
  Karl Freller und Klaus Schamberger beim großen AZ-Interview im Grand Hotel Nürnberg.

 
 
  AZ: Sie sind heuer im fränkischen Fasching einschlägig als verkleidet aufgetaucht – als schiefer Turm von Pisa. Hat Ihre Maske und sagen wollen: Die PISA-Studie mit dem niederschmetternden Ergebnis über den Bildungsstand deutscher Schüler ist zum Schieflachen?
  Karl Freller: Nein, ich habe damals halt das Thema der PISA-Studie, das in aller Munde war, gleichsam mit einem Schmunzeln aufgreifen wollen. Die Aufschrift auf meinem Kostüm hieß übrigens „Bayern rettet Deutschland“.
  Als Staatssekretär für Bayerns Schulen und Schüler hätten Sie sich ja nach der Veröffentlichung der PISA-Studie zurücklehnen können, mit dem Hinweis, „Hausaufgaben gemacht“.
  Natürlich hat mich das Ergebnis sehr gefreut – dass Bayerns Schüler zu den Top Ten der Welt gehören. Aber man darf nie nachlassen. Ich sag immer: Wer aufhört besser sein zu wollen, der hört schon auf, gut zu sein.
  Trügt der Eindruck, dass die Anforderungen an bayerische Schüler manchmal ein bisschen zu gut gemeint sind, der Leistungsdruck zu hoch ist?
  Ich bin sicher, junge Leute wollen gefordert sein. Und es wäre sehr schade, wenn durch zu wenig Förderung, Talente bei Schülern unentdeckt blieben. Pädagogik – das ist auch fördern durch fordern. Lehrer sind Schatz-sucher, sie müssen unentdeckte Schätze in den Kindern heben.
  Da reden Sie jetzt sicherlich vom Idealtyp des Lehrers. In unserer Schulzeit haben Lehrer nicht selten Hand und Rohrstock gehoben, statt schätze in uns.
  Das mag einmal so gewesen sein.
  Sind die unseligen Pauker von damals denn ausgestorben?
  Wir haben in Bayern in deutlicher Mehrheit sehr gute Lehrerinnen und Lehrer. Natürlich ist es unter 100.000 Lehrkräften nie auszuschließen, dass welche dabei sind, bei denen ich mir eine höhere Sensibilität den Kindern gegenüber vorstellen könnte.
  Bayern wird um sein straffes Schulsystem, um seine umfassende Bildungsvermittlung in ganz Deutschland beneidet – selbst von deutlich linksorientierten Lehrern in allen Bundesländern. Sie sagen aber selber: Verbesserungen gibt es immer. Warum verhält sich dann die CSU bei der Einführung der zweifellos der schulischen Verbesserung dienlichen Ganztagsschule so zögerlich.
  Da verhalten wir uns doch nicht zögerlich. Wir haben jetzt 470 Schulen, die ganztägige Förderung und Betreuung anbieten, inklusive Hausaufgabenbetreuung, was ich für sehr wesentlich halte. Was wir nicht wollen, ist die flächendeckendende Einführung von verpflichtenden Ganztagesschulen, wie in den angelsächsischen Ländern. Wir möchten vor allem ein freiwilliges Angebot.
  Warum nicht eine verbindliche Ganztagesschule? In Zeiten, wo Kinder nachmittags nicht selten auf sich allein gestellt sind.
  Warum soll man auch jene Kinder in eine Ganztagesschule zwingen, auf die sehr wohl vielfältige Freizeitangebote oder eine Familie warten?
  Auch eine zerrüttete oder gar nicht mehr existierende Familie?
  Wich sich solche Probleme verdichten, da ist eine Förderung in der Ganztagesschule durchaus sinnvoll. Aber es soll nicht die Regelschule sein. Ich habe mit Schülern die Ganztagesschule diskutiert. Rund 95 Prozent haben sie abgelehnt. Die Freiwilligkeit ist eltern- und schülerfreundlicher.
  Gewissermaßen ideologische Gründe gegen die generelle Einführung der Ganztagesschule gibt es nicht?
  Wie meinen Sie das?
  Ich meine die Neigung konservativer Politik, Eliten zu fördern.
  Wir müssen doch Spitzebegabte fördern. Das hat mit Ideologie nichts zu tun. Es wäre ein grober Fehler, sich nicht um die Begabten zu kümmern. In gleichem Maß aber müssen wir Schwächere fördern. Der Fördergedanke liegt mir sehr am Herzen.
  Also reden wir von den Kindern ausländischer Eltern.
  Ja. Die PISA-Studie hat beispielsweise auch bewiesen, dass türkische Kinder in Bayern besser abschneiden als manche deutschen Schulkinder in anderen Bundesländern. Das stört manches Weltbild, das weiß ich, aber es ist so. Ich habe erst jetzt die Hauptschule in Nürnberg in der Wiesenstraße besucht. Da gibt es Klassen mit bis zu 70 Prozent nicht deutsch sprechender Kinder. Diese fördern wir zum Beispiel in eigenen Sprachlernklassen. Gleichzeitig miss ich unseren Lehrern höchste Anerkennung aussprechen. Die leisten an der pädagogischen Front Schwerarbeit.
  Thema Hauptschule. Ob mit oder ohne Qualifizierten Abschluss – ist das letzte Hauptschulzeugnis heute nicht die Eintrittskarte für die gesellschaftliche Unterschicht?
  Ganz bestimmt nicht. Durch gute pädagogische Diagnose und Beratung muss man vermeiden, Kinder auf die falsche Schule zu schicken, die nicht ihrer Begabung entspricht.
  Da entsteht Druck.
    Der entsteht eher im Elternhaus als in der Schule. Jeden auf das Gymnasium zu schicken, halte ich für völlig verkehrt. Techniker und Handwerksmeister gehören doch auch zu unserer Elite. Und außerdem haben auch Spätentwickler durchaus eine Chance, etwa an der Hauptschule die Mittlere Reife nachzuholen. Der Weg auf eine Hochschule führt nicht ausschließlich über das Gymnasium.
  Wirkt sich die Trostlosigkeit auf dem Arbeitsmarkt nicht auch gerade fatal auf Hauptschüler aus, die oft nicht den Hauch einer Chance auf eine Lehrstelle haben?
  Bei weiterer Verschärfung der Arbeitslosigkeit kann sich da eine gewisse Verdrängung abzeichnen. Deswegen wäre es ja so wichtig, dass es in Deutschland endlich wieder aufwärts geht.
  Ein frommer Wunsch.
  Nicht nur. Wir in Bayern tun auch was. Ich bin stolz, auf unser in Nürnberg gestartetes Projekt, wo wir ab der siebten Klasse Praktika und Schnupperlehren anbieten. Durch diese Möglichkeit bieten sich sehr konkrete Chancen. Mann kann Begabungen, Neigungen feststellen und wichtig Kontakte knüpfen. Ein Betrieb nimmt doch lieber einen Auszubildenden, den er bei der Schnupperlehre schon kennen und schätzen gelernt hat. Generell muss ein junger Mensch von seinem Berufswunsch überzeugt sein. Sonst ist er ein Leben lang unglücklich.
  Aber bei der momentanen Situation greift man doch bei der Berufswahl nach jedem Strohhalm. Und dann noch die berühmte Forderung an die Berufsanfänger nach Mobilität und Flexibilität.
  Das darf man nicht so negativ sehen. Nehmen Sie das geflügelte Wort „Laptop und Lederhose“ oder auf Franken gemünzt „Laptop und Lebkoung“. Beides hat Geltung – Flexibilität und Verwurzelung. Ich stelle durchaus fest, dass der Heimatgedanke wieder vertieft wird. Ich verwende da gerne Bilder: Je mehr sich ein Baum dem Sturm stellt, desto tiefer müssen seine Wurzeln sein. Darf ich noch zwei Bilder anführen?
  Gern.
  Mein Bild von der Bildung: Bildung ist ein See mit einer bestimmten Oberfläche. Und je größer die Oberfläche bei gleicher Wassermenge wird, desto seichter ist der Bildungssee. Mir sind die kleinen tiefen Seen lieber. Da verdunstet das Wasser nicht so schnell.
  Und das dritte Bild?
  Wir müssen weg vom Bulimie-Lernen: Lehrstoff für den Schulgebrauch reinfressen, danach ausspeien, und wenn man das Wissen im Beruf bräuchte, ist nichts mehr im Kopf.
  Reden wir über die Realität, über den Amoklauf eines Coburger Schülers, der eine Lehrerin angeschossen und sich dann selbst gerichtet hat. Kann das auch nicht etwas mit Leistungsdruck, mit Zukunftslosigkeit zu tun haben? Es ist ja nicht der erste Fall in Bayern.
  Man muss sich immer hüten, jetzt schnell Gründe dafür zu finden. Und ganz sicher ist: Einen einzigen Grund für so eine Tat gibt es nicht. Vielleicht haben fehlende Geborgenheit eine Rolle gespielt, Nicht-Ernstgenommen-Sein, Sich-Ausgegrenzt-Fühlen. Wenn das alles zusammenkommt und dann noch die Möglichkeit eines Zugriffs auf Waffen besteht, - dann kann so etwas passieren. Nicht ein Grund allein ist da ausschlaggebend, die Gesamtkonstellation führt zum Gift. Aber jede Spekulation ist da fehl am Platz. Ein Polizeisprecher in Coburg hatte schon recht, als er sagte: „Der junge Mensch hat das Motiv seiner Tat mit ins Grab genommen.“
  Hat Ihr Ministerium auf das Drama in Coburg reagiert?
  Ja, die Ministerin Monika Hohlmeier war ja gleich vor Ort. Und das war sehr gut. Auch dafür, dass die Lehrer wissen, wie sehr sie Anteil an den Belastungen der Pädagogen nimmt. Wir haben sieben Schulpsychologen für die Schule abgestellt. Und in Coburg hat unser Sicherheitskonzept gegriffen, dass wir seit Januar entwickelt haben: Die Schule hat optimal mit der Polizei zusammengearbeitet.
  Auf einem anderen Gebiet halten wir die Zusammenarbeit zwischen Schule und Polizei für problematisch – nämlich wenn Schulschwänzer von Polizeibeamten in die Schule gebracht werden.
  Da sage ich ganz deutlich, das halte ich für gut.
  Wenn man Kinder gewissermaßen kriminalisiert?
  Sehen Sie, man braucht auf das Schuleschwänzen eine pädagogische Antwort, eine Hilfe. Die kann ich aber nur geben, wenn das Kind in der Schule ist. Noch einmal – ich halte das Konzept für gut. Erstens ist es für die Jugendlichen ein heilsamer Schock, und zweitens kann man nach Rückführung mit ihnen pädagogisch arbeiten. Andere SPD-Bundesländer machen uns das inzwischen nach.
  Wir bleiben dabei – es ist eine Horrorvorstellung, wenn unser Kind von der Polizei in die Schule gebracht wird.
  Das kann ich nicht nachvollziehen. Nehmen Sie den Amoklauf von Erfurt. Da hat man wochenlang nicht mitbekommen, dass der Junge nicht in der Schule ist. Hätte ihn die Polizei aufgegriffen – was hätte man vermeiden können! Ich kann nur sagen: Bei uns sind durch das polizeiliche Aufgreifen keine Probleme entstanden, sondern es sind Probleme verringert worden. Deutlich weniger Ladendiebstähle, weniger Schulschwänzer.
  Haben Sie während Ihrer Schulzeit nie geschwänzt?
  Sagen wir so: Vielleicht war ich manchmal nicht so krank, wie es im Entschuldigungsbrief gestanden ist.
  War Ihr Schulweg sehr geradlinig, also nicht der geographische Schulweg?
  In der Pubertät hatte ich große Probleme.
  Ehrenrunde?
  Ja, im Adam-Kraft-Gymnasium in Schwabach, Nach der Mittleren Reife habe ich dann zunächst aufgehört.
  Wie wird man ohne Abitur Religionslehrer?
  Ich war ja erst in Ihrem Beruf tätig. Als Redakteur beim „Schwabacher Tagblatt“. Dann habe ich mich auf dem zweiten Bildungsweg qualifiziert und Religionspädagogik studiert.
  Die Region und Nürnberg liegen Ihnen als Landtagsabgeordnetem ja sicher am Herzen.
  Und ob! Das bin ich auch meinen Wählern schuldig.
  Auch das Schicksal der städtischen Schulen in Nürnberg? Wo jetzt die Schließung mindestens einer Schule droht und 70 Lehrer um ihren Job bangen?
  Es war 1984 ein fataler Fehler der Stadt Nürnberg, sich gegen die geplante Verstaatlichung der Schulen zu wehren. Ich kann heute noch den Aufruf von Peter Schönlein auswendig, wo es heißt „Stadtluft mach frei. Keine Übernahme durch den Freistaat!“ Diese Kurzsichtigkeit damals, die rächt sich jetzt in Zeiten knapper Kassen bitter. Trotzdem gelang es mir, für Nürnberg eine zweite staatliche Realschule durchzusetzen.
 
     
  © Claus Schamberger in der Abendzeitung vom 12. Juli 2003